Buntes Universum

Klaus Bunte – Schauspieler, Kabarettist, Journalist

„In Woodstock fühlten wir uns alle einander so verbunden“

Interview Sängerin und Songwriterin Melanie Safka aus den USA gibt Konzert im „Schlachthof“

 

 

Soest. Sie war gerade einmal 22 Jahre jung, als sie beim legendären Woodstock-Festival auftrat – als Ersatz für eine Band, die sich weigerte, im Regen zu spielen. Sie kannte all die Stars bis dato nur aus den Medien, jedoch nicht persönlich. Heute ist Melanie Safka, besser bekannt als Melanie, 65 Jahre alt, hat seither immer weiter Alben veröffentlicht und tourt nach wie vor. Am kommenden Mittwoch, 20. Juni, tritt sie ab 20.30 Uhr gemeinsam mit ihrem Sohn Beau im Kulturhaus „Alter Schlachthof“ in Soest auf. Darüber, was es bedeutet, eine „Woodstock-Legende“ zu sein, sprach sie vorab mit Stadtanzeiger-Mitarbeiter Klaus Bunte.

 

Sie werden hier als Woodstock-Legende angekündigt. Ist das ein Segen oder ein Fluch?

Melanie Safka: In Woodstock aufzutreten, war fantastisch. Das war ein historisches Ereignis, das mein Leben verändert hat – nicht nur meine Karriere, sondern auch meine Wahrnehmung des Publikums und von Menschen generell. Ein Fluch wäre es nur, wenn diese Erfahrung eben nicht so gewaltig und wahrhaftig gewesen wäre. Wir fühlten uns alle einander so verbunden und auch wenn viele Leute heute glauben, es hätte sich alles nur um Sex and Drugs and Rock'n'Roll gedreht – das stimmt nicht. Es war diese Verbundenheit.

 

Was ist von Ihren Idealen der späten Sechziger übrig, was hat sich geändert:

Melanie Safka: Die sind gleich geblieben mit dem Unterschied, dass ich sie heute besser in Worte fassen kann.

 

Die Hippies wollten ja die Gesellschaft verändern. Glauben Sie, die haben was erreicht? Oder haben die versagt?

Melanie Safka: Niemand hat versagt, alles ist so, wie es sein soll. Ein unmittelbarer Wandel hat sich natürlich nicht vollzogen. 20 bis 30 Jahre sind nichts im Angesicht der Ewigkeit. Ich denke, es ist ein stets fortschreitender Prozess, zu dem wir einen Beitrag geleistet haben, und vielleicht sind wir noch nicht weit genug unten angekommen, damit sich wirklich endlich etwas ändert.

 

Wäre es dann nicht vielleicht gerade jetzt wieder Zeit für eine ähnliche Bewegung? Gerade in Anbetracht der Kriege, in die USA derzeit verwickelt sind?

Melanie Safka: Ich spüre, dass die Menschen allmählich aufwachen, wie aus einem tiefen Schlaf. Ich glaube, dass gerade die Menschen, die in der Lage sind, mitzudenken, merken, dass es einen Wandel geben muss – und das ist immer der erste Schritt dazu. Das ist zwar bereits Teil der Welt, in der wir Leben, aber noch keine wirkliche Bewegung. Manche Menschen glauben, dass sie damit, wem sie bei den Wahlen ihre Stimme geben, alles verändern können. Aber Politik ist nur ein Spiel, in dem es darum geht, wer die Menschen besser kontrolliert, also kann man dadurch, wo man sein Kreuzchen setzt, nichts ändern. Zu glauben, man hätte eine Wahl, ist eine Illusion, aber sie macht die Menschen glücklich. Gerade in Amerika ist das geradezu lachhaft, wo man die Wahl hat zwischen nur zwei Parteien. Wir sind mittlerweile so enttäuscht, man verschwendet seine Stimme für das, was einem als das geringere von zwei Übeln erscheint. Doch unter der Oberfläche kocht es, und in absehbarer Zeit wird etwas geschehen. Und es werden gerade die jüngeren Menschen sein, die etwas unternehmen werden, die sind noch nicht so indoktriniert und abgeklärt.

 

Die hören ja mehrheitlich eher Hiphop oder Rock, erreichen Sie die mit Ihrer Musik überhaupt noch?

Melanie Safka: Das sehe ich anders. Immer mehr Kids kommen in meine Shows, weil sie etwas echtes, etwas Natürliches und Inspirierendes sehen wollen und nicht jemanden in einem Kleid aus Rindfleisch. Deshalb wird auch irgendwann die Plattenindustrie vor die Hunde gehen – nicht wegen der illegalen Downloads, sondern weil die Leute langsam das Interesse an dem Zeug verlieren, dass man ihnen vorsetzt.

 

Man kennt Sie ja am besten für Ihre alten Hits, aber Sie haben seither immer weiter fleißig neue Platten rausgebracht. Macht es trotzdem immer noch Spaß, die alte Sachen zu singen, oder tun Sie es nur ihrem Publikum zuliebe?

Melanie Safka: Nein, denn ich liebe alle meine Lieder! Sie kamen alle aus meinem Herzen, als ich sie schrieb, und es ist immer noch das selbe Herz. Ich glaube immer noch an die selben Dinge wie damals, wie zum Beispiel das Gute im Menschen, und ich entdecke jedes Mal, wenn ich die alten Lieder singe, wieder neue Bedeutungen. Unlängst sang ich Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“. Das hatte ich seit Jahren nicht mehr gespielt. Und bei einer Zeile zuckte ich zusammen, weil ich darin etwas deutlich Größeres entdeckte als je zuvor.

 

Welche Zeile war das?

Melanie Safka: Es war die Zeile „I want to dance beneath the diamond sky with one hand waving free“. Ich hatte plötzlich dieses Bild vor meinem geistigen Auge, wie ich mit geöffneten Händen unter einem Himmel voller glänzender Sterne stehe und darauf warte, dass etwas Wunderbares geschieht. Es zeigt, dass man manchmal gar nicht weiß, was man will, bis es da ist. Oder ein anders Beispiel, „Brand New Key“, gut, den habe ich eine Weile wirklich gehasst, ich war damals jung und er wird immer noch mit mir assoziiert. Doch heute denke ich: Wow, was für ein toller Song! Mein Sohn und ich haben ihn überarbeitet, die neue Version ist toll. Sie hat zwar immer noch die selben Schwingungen und der Song klingt, als wäre er von heute. Und darauf bin ich stolz. Aber ich gebe den Menschen gerne, was sie hören möchten – alles werde ich natürlich nicht singen können, ich habe 47 Alben veröffentlicht… Aber ich reagiere auf Zurufe.

 

Viele große Künstler haben Ihre Lieder aufgenommen. Welche Version haben Ihnen am besten gefallen?

Melanie Safka: Was Ray Charles aus „Look what they've done to my song“ gemacht hat, war unglaublich. Es hat dem Stück seinen Stempel aufgedrückt und es wirklich zu seinem gemacht. Da gab es doch auch eine deutsche Version… wie hieß die Sängerin noch?

 

Daliah Lavi.

Melanie Safka: Ja genau, die war auch toll, die Version habe ich geliebt.

 

In Woodstock spielten sie vor 400.000 Leuten – in den Alten Schlachthof passen nicht ansatzweise so viele Menschen. Funktionieren Ihre Lieder besser vor einem großen oder einem kleinen Publikum?

Melanie Safka: Sowohl als auch. Wenn ich vor einem wirklich großen Publikum spiele, versuche ich, auch die allerletzte Reihe zu erreichen – und in einem kleinen Club nicht anders. Daher ist die Größe des Publikums nicht entscheidend. Darüber denke ich gar nicht erst nach. Ich bin vor zwei Jahren noch einmal auf der Isle of Wight aufgetreten, zum 40-jährigen Jubiläum des großen Festivals von 1970 – gemeinsam mit Pink und Paul McCartney. Sobald ich dann auf der Bühne stehe und singe, habe ich nur noch einen Fokus: einen einzigen großen – oder kleinen – Adressaten.

 


 

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