Buntes Universum

Klaus Bunte – Schauspieler, Kabarettist, Journalist

Bezahlte Probe vor Kasernen-Kulisse

Adam-Festival war wirtschaftlicher Misserfolg

Soest (kb). Drei – zumindest bei einem jungen Publikum – ausgesprochen angesagte Bands, eine Bühne, die locker den halben Markt gefüllt hätte (auf dem das zugunsten dieses Festivals in diesem Jahr abgesagte „Ab in die City“ sonst stattfand), eine perfekt Lichtshow und ein ordentlicher Sound – alles, was dem Adam-Festival am ersten der beiden Tage fehlte, war das Publikum.

Und das wollte und wollte am Freitag einfach nicht auftauchen. Gut, ein wirkliches Festivalwetter ist das nicht an diesem Wochenende, aber es war mild und trocken und somit deutlich erträglicher als in den Wochen zuvor.

Wer den Tag über das Programm auf Hellwegradio verfolgte, konnte es zwischen den Zeilen heraushören, da dort immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass es ja noch Karten an der Abendkasse gebe. Der Lokalsender präsentiert das Festival, Veranstalter ist jedoch das Soestmarketing.

Mehr als 30 Euro Euro für die drei Bands ist in Relation zum Aufwand des Festivals und der Bekanntheit der Bands durchaus angemessen, jedoch scheint keine der drei Formationen eine derartige Anziehungskraft zu besitzen, als dass das mehrheitlich nicht wirklich gut betuchte jugendliche Publikum dafür bereit gewesen wäre, seinen Geldbeutel auf den Kopf zu stellen – zumal bereits am kommenden Wochenende der „Big Day Out“ in Anröchte mit Stars wie den Fantastischen Vier, Dick Brave, H-Blockx und Good Charlotte ganz andere Kaliber aufbietet.

Zumindest kann man keinem der Akteure auf der Bühne nachsagen, sie hätten sich von dem geringen Zulauf den Spaß am Auftritt verderben lassen – sie machten das daraus, was man in Musikerkreisen als „bezahlte Probe“ bezeichnet, nur halt vor Kasernen-Kulisse. Das beginnt bei den beiden Hellwegradio-Moderatoren Kevin Zimmer und Christian Ribbers, die sich schon nach zwei anderen Konstellationen bei „Ab in die City“ als die mit Abstand beste Wahl erwiesen hatten und sich spontan gegenseitig die Bälle zu spielten, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Vielmehr machten sie über die Situation sogar ihre Witze.

Über Ribbers und Zimmer machte eher Jennifer Weist ihre Witze, weil sie sie als „Jennifer Rostock und Band“ angekündigt hatten – dabei ist Jennifer Rostock der Name der Band. Die Rockerbraut ist tätowierter als die selige Amy Winehouse und hüpfte über die Bühne wie jemand, der seit dem Morgen zehn Kannen Kaffee getrunken hat, ohne zwischendurch ein einziges Mal auf der Toilette gewesen zu sein.

Deutlich smarter kamen die sieben Jungs von „Polarkreis 18“ daher. Ihr Mix aus Synthiepop, Postrock und Indie, gepaart mit dem streckenweise opernhaften Falsettgesang von Felix Räuber, mag nicht jedermanns Fall sein, ist aber auf jeden Fall sehr ungewöhnlich und die Truppe legte einen perfekten Auftritt ab. Stanfour hingegen übte sich nicht in großen Posen, sondern überzeugte durch seinen ohrgängigen Postrock.

Ob Nena und ihr Support, die Coverband „Mind2Mode“, am gestrigen Abend mehr Glück hatten, lesen Sie morgen im Anzeiger. Für Nena hat es sich definitiv gelohnt: Sie durfte nicht nur, wie alle Künstler des Wochenendes, in einem vier-Sterne-Hotel in der Region übernachten, sondern bekam sogar die Suite.

 

 

Eine Diva gab sich die Ehre

Nena bescherte dem zweiten Festivalabends doch noch einige Besucher

SOEST – „Wer ist hier für die Musik von U2, den Simple Minds und Depeche Mode?“ ruft Steve Hempton auf englisch ins Publikum und erntet nur wenige Reaktionen. „Wer ist hier wegen Nena?“ Große Reaktion, wenn auch nur aus den ersten Reihen. Was macht dann eigentlich der Rest hier. Na, egal. Hempton erkennt: „Na dann haben wir ja ein schwere Stück Arbeit vor uns.“ Was der Brite vielleicht nicht weiß: Er hat immerhin Publikum. Das konnten die drei Bands des ersten Festivalabends nicht unbedingt von sich behaupten.

Im Laufe seines Auftritts versammelt der Sänger mit seiner Coverband „Mind2Mode“ an die 3000 Zuschauer, ein Vielfaches dessen, was 24 Stunden zuvor den Weg auf den alten Exerzierplatz fand. Dennoch ist der Platz noch lange nicht ausverkauft, seine Kosten dürfte das Festival kaum eingespielt haben.

Die Coverband reißt sich 90 Minuten lang ein Bein nach dem anderen aus, um das Publikum in Stimmung für Nena zu bringen. Und es gelingt ihr. Mag die Band auch zu jenen gehören, die ihr Geld auf die harte Tour damit verdient, die Genialität anderer Bands für sich zu nutzen – sie macht es verdammt gut. Je eine halbe Stunde Simple Mindes, dann Depeche Mode, zuletzt U2 – Hempton übernimmt jedes Mal typische Manierismen der jeweiligen Frontleute, kleidet sich schick wie Jim Kerr, kommt ärmellos in der Weste wie Dave Gahan daher oder mit Lederjacke und Sonnenbrille wie Bono. Am Ende tobt das Publikum und ist reif für Nena.

Aber die hat sich entschieden, dem Begriff Diva ganz neue Facetten zu verleihen. Zunächst einmal lässt sie das Publikum eine geschlagene Dreiviertelstunde warten, bis es anfängt zu pfeifen und rhythmisch zu klatschen, bis die Stimmung, die Mind2Mode so gut aufgebaut hat, dahin ist. Vielleicht ist es ja unter Nenas Niveau, die gute Laune, die andere erarbeitet haben, für sich zu nutzen.

Schon am Eingang waren auf ihre Anweisung Kameras und Handys gefilzt worden, und nun, da sie endlich auf der Bühne ist, haben die Sicherheitskräfte, deren Zahl für ihren Auftritt im Graben vor der Bühne verdoppelt wurde, alle Hände voll zu tun, denn Nena hat ihnen befohlen, alle Zuschauer, die es wagen, von ihrem Idol ein Foto machen zu wollen, aus dem Publikum zu ziehen. Den akkreditierten Fotografen im Graben gewährt sie nur fünf Minuten, um ein halbwegs brauchbares Foto auf die Reihe zu bekommen, denn Gerüchten aus dem Backstage zufolge hatte sie an die dreißig von ihnen erwartet – die Realität dürfte sie enttäuscht haben.

Zurück ins Publikum dürfen die Fotografen danach nicht mehr. Nena lässt sie wie Gefangene, flankiert von einer Reihe bulliger Bodyguards, vom Gelände bringen. Sie dürfen erst zurückkehren, sobald sie ihre Kamerataschen ins Auto gebracht haben. Da aber die Clevische Straße während des ganzen Wochenendes gesperrt war, stehen die Autos mehrere Minuten Fußweg entfernt irgendwo am Boleweg. Mehrere Fotografen kehren erst gar nicht mehr zurück.

Nenas Fans scheint der Rummel nicht viel auszumachen – es sei denn, ihnen wurde die Kamera entzogen oder sie sahen nicht viel vom Konzert, da die Sicherheitskräfte auf den Erhöhungen der Absperrungen standen und verzweifelt nach den Knipsen fahndeten. Der Rest hingegen bejubelte jedes noch so ungelenke über-die-Bühne-Taumeln der wie üblich leicht neben sich stehend wirkenden 51-jährigen 80er-Jahre-Ikone wie ein Geschenk Gottes. So hat das Adam-Festival zumindest eine Handvoll Menschen glücklich gemacht. – kb

 

Anmerkung: Da ich nach dieser Gängelei keine Lust mehr hatte und mein Auto in ermaneglung eigener Fesitvalplätze auf einem mehrere Minuten entfernten und ungewachten Parkplatz stand, wo sich jeder Autoknacker ausrechnen konnte, dass er dort freie Hand hatte, bis das GEwummer einen Kilometer weiter endete und ich somit meine Kamera nicht unbewacht im Kofferraum lassen wollte, war mir eine weitere Rezension des Konzerts nicht möglich,. Eine online erschiene Kurzfassung des obigen Artikels löste tagelange Diskussionen aus wurde nachträglich zensiert, was die Diskussionen nur noch verstärkte. Die Kommentare zeigten jedoch, dass sowohl das Aufgebot an Security und deren Verhalten als auch der Auftritt Nenas, wie überhaupt das gesamte Festival nicht den Nerv des überwiegenden Teil des Publikums trafen. Über Facebook berichtete mir ein Besucher sogar, dass er von zwei Leibwächtern Nena im Polizeigriff abgeführt wurde, weil er gegen Ende des Konzerts doch noch seine Kamera zückte.

 

 

Kommentar: „Von Anröchte und Arnsberg lernen“

Selbst am Samstag stand es noch auf der Startseite der offiziellen Internetpräsenz der Stadtverwaltung zu lesen: „Damit schlägt Soest ein neues Kapitel bei den Musikveranstaltungen auf.“ Man hätte sich gewünscht, dass sich diese Prophezeiung erfüllt hätte, aber es wäre wenig verwunderlich, wenn dieses Buch nicht mehr weiter geschrieben und stattdessen als Fragment im hintersten Kellerwinkel des Stadtarchivs verschwände.

Denn eines ist klar: Mögen Bühne, Licht und Sound noch so gut gewesen sein, der Ablauf noch so präzise organisiert, die Hilfskräfte sich noch so umfassend für den Ernstfall vorbereitet und dann doch nur die Beine in den Bauch gestanden und die Bands noch so viel Spielfreude gezeigt haben – in wirtschaftlicher Hinsicht war das Adam-Festival ein Flop, und für die Künstler ist es auch kein Vergnügen, vor einem nahezu leeren Platz spielen müssen. Nun wird man sich beim Soestmarketing Gedanken machen müssen, warum es kam wie es kam.

Dabei ist die Antwort recht einfach: Es war ein Festival der Vorbands. Keine der Formationen am Freitag hatte die Kraft, als echter Headliner zu wirken, eine echte Anziehungskraft zu entwickeln. Als Vorbands vor einem echten Topact wären sie perfekt gewesen. Und Nena am zweiten Abend, eine Frau, die seit ihrem Comeback nur von ihren knapp 30 Jahren zurückliegenden Erfolgen lebt und deren nöligen Gesang man entweder liebt oder hasst? Nicht allzu viele scheinen der ersten Fraktion anzugehören.

Wie man es richtig macht, machen uns Anröchte und Arnsberg vor. In Anröchte, wo ein Viertel der Einwohnerzahl Soests lebt, punktet der „Big Day Out“ am kommenden Wochenende mit Dick Brave (alias Sasha – der aus Soest kommt!), den Fantastischen Vier, H-Blockx und Good Charlotte sowie diversen anderen und kostet dabei nur wenig mehr Eintritt als das Adam-Festival. Zwei Wochen später kommen Die Happy, Revolverheld, Clueso, Wir sind Helden und Bap zum Jagdschloss Herdringen bei Arnsberg. Alles kann sich wohl kaum einer leisten, und man muss kein Prophet sein, um zu erraten, wie die meisten sich entscheiden wären. Und als wäre das noch nicht genug, tobte am Samstag im Dortmunder Westfalenpark auch noch das seit Jahren sehr erfolgreiche Juicy-Beats-Festival.

Für das Adam-Festival wurden sowohl das Altstadtfieber beim Bördetag als auch „Ab in die City“ gestrichen, auch damit die Anwohner der Innenstadt nicht dauernd um den Schlaf gebracht werden. Dank freien Eintritts waren die Plätze immer voll, obwohl die Qualität der Darbietungen gerade bei den Auftritten kurzlebiger Castingbands nicht immer das Nonplusultra war – da wurde beim „Adam“ deutlich mehr Qualität geboten.

Und schon vor Jahren wurde der Vorläufer „Die Börde bebt“, ebenfalls auf dem Exerzierplatz und mit Namen wie Chris de Burgh, Bap oder Status Quo, eingestampft, weil nicht genügend Besucher kamen – aber die waren stets noch ein Vielfaches dessen, was sich am Freitag dort einfand. Ganz gleich, ob die Kaserne bei der Regionale den endgültigen Zuschlag erteilt bekommt oder nicht – sollte das Soestmarketing das Gelände mit dem Festival weiter beleben wollen, muss es sich ernstlich Gedanken machen über die Programmgestaltung und die Terminlegung.

 

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