Buntes Universum

Klaus Bunte – Schauspieler, Kabarettist, Journalist

„Die Antwort auf Hass ist Liebe“

Konstantin Wecker redet nicht nur von Flüchtlingshilfe, sondern praktiziert sie

(Stadtanzeigetr Soest, 14. Oktober 2015)

 

Soest. Der Mann ist eine Institution, als Musiker, Liedermacher, Filmmusiker, Schauspieler und Autor – aber auch als einer, der sich einmischt. Seinem Facebook-Profil folgenden 135 000 User und lesen dort seine ausführlichen Kommentare zum politischen Geschehen – und er erntet natürlich nicht nur Zustimmung. Auch sein aktuelles Album „Ohne Warum“ bietet keine seichten Balladen. In vielen Liedern beschäftigt er sich mit den aktuellen Krisenherden in aller Welt: Kriege, Flüchtlingsströme, Armut. Und er integriert in seine abendländische Musik gekonnt morgenländische Instrumente. Am 23. Oktober stellt der 68-Jährige das Album ab 20 Uhr in der Soester Stadthalle vor. Zuvor fand er die Zeit für ein Interview mit Stadtanzeiger-Mitarbeiter Klaus Bunte.

 

Sie setzen sich seit jeher vehement für Frieden und gegen Rechtsextremismus ein. Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie nach all den Jahren mit ansehen müssen, was gerade passiert?


Konstantin Wecker: Es ist zwiegespalten. Zunächst war ich natürlich auch erschüttert über die heuchlerische Art, als wüsste niemand, dass es Flüchtlinge gibt und dass sie auf uns zukommen würden. Dabei verursacht unsere Politik die Flüchtlinge schon seit Jahrzehnten, sowohl durch ihre Waffenexporte als auch auf wirtschaftlichem Wege, indem Großinvestoren mit EU-Hilfen in Afrika Kleinbauern verdrängen. Jeder halbwegs vernünftige Mensch wusste schon lange, dass es Flüchtlinge gibt, weil wir sie mit unserem neoliberalen System erzeugt haben. Auf der anderen Seite bin ich unglaublich überrascht über diese Woge der Hilfsbereitschaft, die mir Mut und Hoffnung macht. Natürlich gibt es den unverbesserlichen Pegida-Rand, gegen die werden wir auch nicht viel machen können und leider bedienen die Politiker sie auch, aber sie sind nur ein geringer Prozentsatz. Aber 50 Prozent der Deutschen helfen bereits oder wollen helfen. Gerade auch die junge Generation ist dazu aus ganz emotionalen Gründen bereit. Wir müssen aber dennoch weiter den Politikern zeigen, dass sie diese Situation herbeigeführt haben in ihrer Geiselhaft der Wirtschaft. Und ich hoffe auf eine gewaltfreie Revolution. Schon jetzt vernetzten sich viele Menschen, die was ändern wollen.

 

Zur Revolution riefen Sie Anfang des Monats auch bei Ihrem Auftritt in Wien beim Benefizkonzert „Voices for Refugees“ auf. Wie soll die aussehen? Und glauben Sie, der Deutsche ist fähig zur Revolution?

 

Konstantin Wecker: Wenn ich Heinrich Heine glaube, dann nicht. Aber zu dieser Art von Revolution werden wir alle fähig sein müssen. Denn entweder es kommt sie oder aber ein gnadenloser Putsch der Rechtsaußen. Denn die Ungerechtigkeit ist an einem Punkt angelangt, der zur Katastrophe führen muss, wenn ein Prozent der Menschheit so viel besitzt wie die übrigen 99 Prozent zusammen. Zumal dieses kapitalistische System obendrein Kriege braucht, um sich am Leben zu erhalten. Das muss sich irgendwann entladen.

 

Was muss denn noch geschehen, bis der Deutsche revoltiert? In Frankreich brennen ja dauernd Autos. Hier dagegen…

 

Konstantin Wecker: Ich weiß nicht, ob das eine Frage des Naturells ist oder der Tatsache geschuldet ist, dass es den Deutschen im Verhältnis zu den meisten anderen Ländern noch gut geht. Vor einigen Jahren fragte ich einen Philosophiestudenten, warum es keine wirkliche Studentenbewegungen mehr gibt, warum da niemand mehr aufbegehrt. Er meinte, es liege nicht daran, dass die zu dumm dazu sind, sondern dass sie genau wissen: Wenn sie weiterdenken, dann müssen sie was an ihrem Leben ändern. Und das wollen sie nicht. Deshalb informieren sich vielleicht unbewusst viele nicht, weil sie sich dann moralisch zu etwas verpflichtet fühlten, was sie nicht wollen. Aber wenn wir keine Revolution machen, dann macht es die Pegida. Und wer will das schon.

 

Sie besingen diese Revolution im Lied „Ich habe einen Traum“. Aber dass sie kommt, ist offenbar längst mehr als ein Traum, sondern Überzeugung?

 

Konstantin Wecker: Ich bin eh der Ansicht, dass Träumen und Utopien nötig sind, weil sie etwas in die Tat umsetzen. Aber nur zu träumen, das war nie mein Ding. Visionen treiben uns an, etwas zu tun. Ich will nach meinen Träumen handeln.

 

Das Lied nimmt Bezug auf Martin Luther King, der von einem Rassisten erschossen wurde. Auch Sie wurden im Netz in letzter Zeit massiv von Rassisten bedroht. Wie gehen Sie damit um?

 

Konstantin Wecker: Mittlerweile lasse ich das meiste davon meine Mitarbeiter lesen. Konkrete Drohungen teilen sie mir natürlich mit, die unsäglichen Beleidigungen gehen einem einfach nur auf den Nerv. Witzig ist nur: Je hasserfüllter ein Kommentar ist, desto orthografisch und stilistisch beschissener ist er auch. Aber es gibt schon Gegenden, da möchte ich nachts nicht allein über die Straße gehen.

 

Treten Sie denn trotzdem in irgendwelchen Hochburgen der rechten Szene auf, zum Beispiel im Osten?

 

Konstantin Wecker: Aber natürlich! Die Saargida, der Pegida-Ableger im Saarland, hat direkt vor der Konzerthalle zu einer Demo gegen mich aufgerufen. Ihre Anhänger sollen dort stellvertretend für mich ihre rostigen alten Wecker auf den Müll werfen. Aber dem werde ich mich stellen. Ich versuche ja, nicht aus der Position des Zurückhassenden zu schreiben, sondern immer wieder zu erwähnen, dass man sich davon nicht anstecken lassen darf, sondern dem mit Zärtlichkeit begegnen muss. die Antwort auf Hass muss Liebe sein. Auch wenn es schwer fällt. Wenn ich die Möglichkeit hätte, jemanden von denen in den Arm zu nehmen, würde ich es auch tun. Einmal ergab sich die Gelegenheit. Vor knapp 20 Jahren war ich mit einem Chor aus Kamerun unterwegs. Mit zwei von ihnen in ihrer Tracht gingen wir in ein Neonazi-Jugenzentrum und standen dort einer feindlich gesinnten Masse gegenüber. Ich fragte ihren Wortführer, ob er einen der beiden Kameruner in den Arm nehmen würde. Darauf schüttelte er sich demonstrativ, um zu zeigen, dass der doch keinen Farbigen anrühren würde. Darauf rief einer seiner Leute von hinten: Du kannst ihn ja auch nicht in den Arm nehmen. Und die anderen lachten laut. Aber genau das habe ich dann aber getan, eine lange Minute lang umarmte ich diesen Neonazi. Dann sagte dieser 17-Jährige vor allen anderen: Das hat noch nie in meinem Leben jemand getan. Er stieg dann wenige Tage später aus und fuhr bei uns als Praktikant in der Technik mit.

 

Aber möchten Sie nicht doch mal bei Facebook Dampf ablassen?

 

Konstantin Wecker: Sicher, manchmal tue ich das auch, aber ich möchte mich nicht von der Stimmung anstecken lassen. Das wäre ja ein Sieg für die Rechten, wenn ich zurückhassen würde.

 

Welche Begegnungen hatten Sie selber in jüngerer Zeit mit Flüchtlingen?

 

Konstantin Wecker: Meine Frau und mein Sohn haben Menschen über die Grenze gebracht und sie bei uns im Haus untergebracht. Als Fluchthelfer taten wir das, wohlgemerkt, nicht als Schlepper, wir nahmen ihnen ganz sicher nicht ihre letzten paar hundert Euro ab. Wir gaben ihnen sogar noch Geld mit. Wir haben sie bei uns daheim aufgenommen wie Gäste. Denn man muss sich das aber auch mal vor Augen führen: Wie kann jemand, nur weil ihm ein bestimmtes Dokument fehlt, illegal sein? Und dazu, dass wir die Menschen hierher bringen, stehe ich ganz bewusst und öffentlich, ganz gleich, wie die behörden darauf reagieren. Denn manchmal muss man auch Dinge tun, die illegal sind.

Einen Kommentar schreiben



Klaus Bunte

Erstelle dein Profilbanner

Copyright © 2017 by: Buntes Universum • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.